„Keine tragfähige Alternative zu Standardsoftware“ - Interview mit Stefan Gruler, globaler Leiter für Retail bei SAP

24.11.2011
Software für Lager und Logistik

Standardsoftware passt selten für alle, aber sind alle Händler wirklich so unterschiedlich?

Die Mehrzahl der Handelsprozesse unterscheidet sich nicht gravierend von Unternehmen zu Unternehmen. Ebenfalls gilt für alle Handelsunternehmen gleichermaßen, dass sie auf neue Technologien und die damit einhergehenden Veränderungen des Konsumentenverhaltens adäquat reagieren müssen. Wir sind überzeugt, dass es in Zeiten beständiger Veränderung keine tragfähige Alternative zu Standardsoftware gibt.
Nichtsdestotrotz wollen sich alle Händler bei sehr spezifischen und für sie kritischen Geschäftsabläufen von ihren Wettbewerbern abheben, etwa bei der Ansprache ihrer Kunden über die verschiedenen Verkaufskanäle oder der Preisgestaltung. Andere Geschäftsprozesse wie die Sortimentsplanung unterscheiden sich bei Handelsunternehmen traditionell stark voneinander.

Insofern muss Standardsoftware zweierlei leisten: Sie muss es den Kunden ermöglichen, dort zu standardisieren, wo möglich, um Kosten zu reduzieren und da zu differenzieren, wo nötig – nämlich in den Bereichen, wo Händler für ihr Unternehmen Alleinstellungsmerkmale sehen. Deswegen ist unsere Software durchgehend modular aufgebaut mit einer Vielzahl wiederverwendbarer Services, so dass sich unsere Software in hohem Maße anpassen und erweitern lässt.

Wollen Ihre Handelskunden zu viel Anpassung? Wird die Software damit immer komplexer?

Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass IT-Modernisierungsprojekte, wenn sie den Kern der Geschäftstätigkeit eines Handelsunternehmens samt seiner Lieferanten berühren – beispielsweise eine Umstellung von jahrzehntelang gewachsenen Eigenentwicklungen auf Standardsoftware – Anstrengungen von allen Beteiligten erfordert. Das Unternehmen ist gefordert, seine Mitarbeiter und auch der Softwarelieferant. Um die Aufwände so gering wie möglich zu halten, versuchen wir zum Einen, schon bei der Entwicklung beziehungsweise Weiterentwicklung unseres Portfolios so viele Prozessvarianten wie möglich in den Standard einfließen zu lassen. Hier hilft uns der ständige und intensive Austausch mit unseren Kunden. Bei der Implementierung wiederum versuchen wir, der Komplexität durch geeignete Vorkonfiguration und sogenannte Best Practices entgegenzuwirken. Hierzu hat SAP speziell im letzten Jahr die „Rapid Deployment“-Lösungen auf den Markt gebracht. Dies sind vordefinierte, vom Umfang her überschaubare Lösungspakete, die zu einem Festpreis in kurzer Zeit eingeführt werden können. Wir reden hier über wenige Wochen bis Monate. In diesen Bereich hat die SAP in den vergangen Jahren stark investiert und wird es auch weiterhin tun.

Lunar bei Edeka zeigt, wie langwierig ein IT-Projekt sein kann. Was kann man aus diesem Beispiel lernen?

Die Erfahrungen, die alle Beteiligten aus dem Projekt ziehen, sind von unschätzbarem Wert. Das Lunar-Programm ist eines der umfangreichsten und ehrgeizigsten IT-Modernisierungsprojekte im europäischen Handel. Im Rahmen von Lunar führt Edeka nicht nur ein neues Warenwirtschaftssystem ein, das die Zentrale in Hamburg mit allen Großhändlern und den rund 4.500 selbstständigen Kaufleuten verbindet. Auch für die Logistik-Steuerung werden wir neue Software-Lösungen einführen. Zudem bringen wir die gemeinsam mit GK Software entwickelten Filiallösungen in die mehr als 11.000 Edeka-Supermärkte.

Angesichts solcher Dimensionen ist die Projektlaufzeit eher knapp bemessen. Immerhin reden wir hier insgesamt über rund 160 Einzelprojekte. Umso wichtiger ist es, dass alle Parteien extrem professionell aufgestellt sind. Edeka beispielsweise hat für das Projekt eigens die Lunar GmbH gegründet, in der mittlerweile rund 400 Mitarbeiter Vollzeit an dem Projekt mit uns zusammenarbeiten. Diese Kompetenz auf Kundenseite und der beständige und intensive Dialog aller Partner auf allen Ebenen sind die wohl wesentlichsten Erfolgsfaktoren für ein Projekt dieser Größenordnung.

Welche Projekt-Bilanz zieht SAP bei Lunar?

Erst vor kurzem haben wir mit der erfolgreichen Einführung der Filiallösungen in den ersten Edeka-Märkten einen weiteren wichtigen Meilenstein genommen. Allein seit Ende 2009 sind rund 40 Einzelprojekte erfolgreich umgesetzt worden. Insgesamt betrachtet sind wir also auf bestem Wege, die gemeinsam mit Edeka gesteckten Ziele frist- und kostengerecht zu erreichen.

Das hat kürzlich auch Dr. Schütte, der CIO von Edeka, beim SAP-Handelssymposium in Mannheim bekräftigt. Zusätzlich werden wir einige der im Rahmen von Lunar entwickelten Lösungen – zum Beispiel die erwähnte Filialsoftware – in das offizielle „SAP for Retail“-Portfolio aufnehmen. So können auch andere Kunden von der Pionierarbeit mit Edeka profitieren. Das haben wir ebenfalls auf dem Handelssymposium angekündigt.

SAP versucht sich seit Jahren mit immer neuen Mittelstandsinitiativen im Handel. Wie kommen Sie bei Fachhändlern und kleinen Filialbetrieben voran?

Die Geschäftsprozesse von mittelständischen Handelsunternehmen unterscheiden sich nicht wesentlich von denen großer Unternehmen. Der große Unterschied besteht in der Höhe der IT-Budgets. Mit „SAP Business All-In-One for Retail“ haben wir ein schlagkräftiges, vorkonfiguriertes und für Mittelständer auch preislich attraktives Lösungspaket am Markt. Dieses bieten wir in Zusammenarbeit mit zertifizierten Mittelstandspartnern in vielen Ländern an und es gibt in allen Regionen viele Beispiele von mittelständischen Handelsunternehmen, die unsere Software erfolgreich einsetzen. Darüber hinaus sind die bereits erwähnten „Rapid Deployment“-Lösungen eine sehr interessante Alternative gerade auch für Mittelständler, die auf großes Interesse stößt.

Mobile Anwendungen waren bei der letzten EuroShop ein wichtiges Thema. Wie wirkt sich das auf die Software für die Supply Chain aus?

Die Logistik ist schon seit langem ein Feld, in dem mobile Anwendungen nicht mehr wegzudenken sind. Wareneingangserfassung, Kommissionierung, Aufgabenzuteilung – schon seit vielen Jahren läuft hier alles über mobile Endgeräte. Deshalb hatte die SAP schon frühzeitig Anwendungen im Angebot, mit denen sich diese Geschäftsprozesse online über mobile Endgeräte steuern lassen. Mit der Übernahme von Sybase und der „Sybase Unwired Platform“ (SUW) haben wir die weltweit marktführende mobile Plattform, um unser Portfolio an mobilen Anwendungen für alle Endgeräte kontinuierlich zu erweitern; und das nicht nur im Lager, sondern in allen Bereichen, in denen mobile Anwendungen einen Mehrwert bringen, beispielsweise für den Vertrieb. Eine Vielzahl neuer Lösungen, darunter die Anwendung „SAP Retail Execution“, mit der Vertriebsmitarbeiter ihre kundenbezogenen Prozesse mobil steuern können, sowie die neue Generation der SUW haben wir Mitte Mai bei unserer Kunden- und Partner-Messe SAPPHIRE Now in Orlando vorgestellt.

Was erwarten Sie vom Cloud Computing in der Logistik?

Unsere Kunden und wir sehen in der Logistik eine Reihe an vielversprechenden Einsatzmöglichkeiten für Cloud-Lösungen. Dazu gehört etwa der weite Bereich der Bestandsoptimierung. Gleiches gilt für Lösungen zur kollaborativen Lieferkettenplanung, zur Transportplanung mit Logistik-Partnern und auch Systeme, mit denen Kunden Geschäftsszenarien simulieren können. Dies sind nur einige wenige Beispiele von vielen, in denen Cloud-Lösungen aus unserer Sicht sinnvoll sein können.

In Memory Computing ist ein relativ neues Schlagwort. Was ist gemeint und wie hilft dies in der Logistik?

Insbesondere durch die enormen technologischen Fortschritte im Hardware-Bereich, gekoppelt mit Neuerungen in der Datenkompression, ist es mit In Memory Computing mittlerweile möglich, die gesamtem Daten eines Unternehmens – wir sprechen hier von mehreren Terrabyte – in den Hauptspeicher zu laden und dort in Echtzeit zu bearbeiten. Wir haben das mit vielen unserer Kunden erfolgreich getestet. Aufgrund der umfangreichen Produktsortimente, der vielen Verkaufsstellen, Verteilungszentren und der Unmenge an Kundentransaktionen fallen gerade im Handel enorm große Datenmengen an. Die Möglichkeit, diese in jeder Detailtiefe in Echtzeit zu bearbeiten und zu analysieren, eröffnet für Handelsunternehmen völlig neue Möglichkeiten. Denken Sie beispielsweise an mobile Anwendungen, mit denen Händler ihren Kunden während des Supermarkteinkaufs durch Auswertung ihrer Einkaufshistorie und durch Prüfung des Lagerbestands und der Preise Rabattcoupons für bestimmte Produkte auf ihr Mobiltelefon senden können. Oder nehmen Sie für die Logistik-Planung folgendes an: Durch eine plötzliche Hitzewelle zieht die Nachfrage nach Speiseeis in einer Region kurzfristig an und in den Supermärkten geht der Bestand zur Neige. Ist der Händler durch Echtzeitanalyse des Verbraucherverhaltens auch über solch kurzfristige Änderungen im Bilde, lassen sich unter anderem Routenplanungen für Nachschublieferungen sofort anpassen.

Was hat die Übernahme von Sybase Ihren Kunden im Handel gebracht – speziell in der Nachschublogistik?

Grundsätzlich haben unsere Handelskunden mit Sybase und der „Sybase Unwired Platform“ das notwendige Gerüst, um eine mobile Geschäftsstrategie erfolgreich technologisch umzusetzen. Mit der SUW haben sie absolute Flexibilität bei der Entwicklung und dem Einsatz von mobilen Anwendungen, die sie nahtlos an ihre Backendsysteme anbinden können; und das für alle Endgeräte und mobilen Betriebssysteme – von Apple iOS, RIM OS, über Android bis hin zu Windows Mobile. Beliebige Quellsysteme können so angeschlossen und sowohl Online- als auch Offline-Szenarien unterstützt werden.

Unsere zusätzliche Device Management–Lösung „Afaria“, die ebenfalls Teil der SUW ist, bietet eine vollständige Kontrolle der Endgeräte im Unternehmen samt Berechtigungen, Verschlüsselung etc. Dies zusammen genommen haben Handelsunternehmen so überhaupt erst die Möglichkeit, um gewinnbringende und kundenindividuelle mobile Lösungen für die Nachschublogistik oder beliebige andere Geschäftsbereiche zu entwickeln.

Planen Sie weitere Übernahmen zur Abrundung der Handelssoftware?

Retail ist eine globale Fokus-Industrie für die SAP. Dementsprechend werden wir in unser Lösungsangebot für den Retail-Bereich über die kommenden Jahre beträchtlich investieren. Dabei wollen wir Innovationen im Kern organisch, sprich aus eigener Kraft liefern. Übernahmen und Partnerschaften sind dadurch aber keinesfalls ausgeschlossen. Sie machen aber nur da Sinn, wo sie unser Lösungsangebot strategisch ergänzen.

SAP ist in vielen Märkten aktiv. Welche Rolle spielt dort jeweils ihr Portfolio für den Handel?

Unser Handelsportfolio ist für alle Märkte relevant, hier gibt es kaum eine Beschränkung. Allerdings sehen wir auch, dass die Märkte in Asien und Lateinamerika, unter anderem die BRIC-Länder, auch aus Retailsicht die Wachstumstreiber sind. Insofern haben sie auch für uns besonderes Gewicht. Um dort erfolgreich zu sein, arbeiten wir eng zusammen mit unseren Landesgesellschaften und den lokalen Partnern vor Ort. Das ist entscheidend, denn nur sie kennen die spezifischen Marktbegebenheiten. Auf diese Weise können wir unser Produktangebot für den entsprechenden Zielmarkt ausrichten.

Interview: René Schellbach, EuroCIS.com