"Vom Internet der Dinge wird eine stark disruptive Kraft ausgehen"

Interview mit Ralf Schienke, Leitung Vertrieb Handel Deutschland bei Fujitsu

Foto: Ralf Schienke; copyright: Fujitsu Technology Solutions GmbH

Ralf Schienke: "Iot wird im Handel starke Wettbewerbsvorteile ermöglichen. Wichtig ist es allerdings, die Menschen, die so eine Umstellung betrifft, mit gutem Change Management einzubeziehen". © Fujitsu Technology Solutions GmbH

Auf der EuroCIS 2016 standen die großen Megatrends in Zeiten der Digitalisierung im Fokus - wie zum Beispiel das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT). Die Möglichkeit, einzelne Produkte online „sichtbar“ zu machen bietet dem Handel großes Potential, insbesondere in den Bereichen Produktion und Supply Chain Management. Über die aktuelle Situation und die Zukunft des IoT im Handel haben wir mit Ralf Schienke, Leiter Vertrieb Handel Deutschland bei Fujitsu, gesprochen.

Herr Schienke, wie stark wird das Internet der Dinge den Einzelhandel beeinflussen?

Das Internet der Dinge (IoT) wird eine ähnlich große Wirkung auf unser tägliches Leben haben, wie es das Internet schon heute hat. In Zukunft werden immer mehr belebte und unbelebte Dinge, also Gebäude, Kleidungsstücke, Lebensmittel, Pflanzen und Lebewesen über IP-Adressen und Computing-Kapazität verfügen und somit über sich und ihre Umgebung Auskunft geben können.

Aus IT-Sicht bekommt die Erde, laut neuesten Schätzungen von Beratungsunternehmen wie IDC, bis zum Jahr 2020 rund 50 Milliarden neue „Bewohner“. Diese Veränderung wird die gesamte Gesellschaft und damit natürlich auch den Einzelhandel stark verändern.

Welche neuen Services werden konkret durch den Einsatz des IoT im Handel möglich?

Vom Internet der Dinge wird eine stark disruptive Kraft auf Produkte und auch den Dienstleistungssektor an sich ausgehen: Diese Produkte werden während ihres gesamten Lebenszyklus IoT-gebunden sein: während ihrer Entstehung, der Verteilung, beim Verkauf und während der Nutzung durch den Konsumenten.

Dabei macht es auf lange Sicht wenig Unterschied, ob wir vom LEH, dem Textilhandel oder anderen Bereichen sprechen. Die integrierten IoT-Services werden Design, Preis und Wert für den Käufer massiv beeinflussen. Damit wird sich der Charakter und auch das Potenzial von Produkten und Dienstleistungen stark verändern.

Nehmen Sie zum Beispiel Haltbarkeitsdaten bei Lebensmitteln, die die realen Bedingungen der Lagerung und der Kühlkette einbeziehen. Oder Produkte, die über Herkunft, Bestandteile oder ihre richtige Verwendung Auskunft geben können. Mit IoT entsteht zusätzlicher Warenwert. Daher wird eine für den Handel entscheidende Frage sein, wer die Services dazu liefert, kreativ einsetzt und monetarisiert.
Foto: Frau shoppt Schuhe vom Sofa aus; copyright: Fujitsu Technology Solutions GmbH

Das durchgängige Einkaufserlebnis über alle Kanäle macht das vernetzte Ladengeschäft zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil für den Einzelhandel. & copy Fujitsu Technology Solutions GmbH

Wie genau profitieren die Kunden von den neuen Möglichkeiten?

Denken Sie an Waren, die zum exakt richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort vorhanden sind oder an Produkte, die den individuellen Erwartungen ihrer Nutzer besser entsprechen. Patienten erhalten eine individualisierte Versorgung, weil dank Wearables relevantere Informationen genutzt werden können. Tägliche Einkäufe werden automatisiert und werden so zu Dienstleistungen, die das alltägliche Leben massiv erleichtern.

Die sogenannte Omni-Channel-Strategie ist dazu eine wichtige Vorstufe, allerdings steigt auch die Zahl der zu integrierenden Channels und Touchpoints durch das Internet der Dinge stark an. Insofern ist das Prädikat „Omni“ vielleicht etwas früh vergeben worden.

Welche Bereiche des Handels können in besonderem Maße hiervon profitieren?

Das Internet der Dinge wird in hohem Maße die Produktion und die Supply Chain beeinflussen: durch neue Informations-Loops werden Ineffizienzen auf vielen Stufen der Wertschöpfung eliminiert werden und erhebliche Kosten- und Zeiteinsparungen möglich. Verkaufsdaten werden schneller und genauer zur Produktion übermittelt und werden helfen, Rohstoffe und Energie zu sparen. Überproduktion und die damit verbundenen Abschreibungen werden deutlich reduziert werden.

Auch das Kundenverhalten, wie Bewegungsmuster im Store, werden nachvollziehbarer und lassen sehr genaue Rückschlüsse auf das optimale Ladenlayout zu. Besonders Prozesse in Lager- und Verteilzentren haben ein hohes Verbesserungspotential, wie bereits einige realisierte Projekte von Fujitsu zeigen.

Wie sollten Händler am besten vorgehen, wenn sie die neuen Möglichkeiten nutzen möchten?

Wir empfehlen attraktive Pilotanwendungen zu identifizieren, die konkrete Effizienzsteigerungen ermöglichen. Neue Produkte und Services in schnellen Testzyklen zu erstellen und Partner wie Fujitsu früh einzubeziehen, um den Erfahrungsaufbau zu beschleunigen. Auf diese Weise kann man die Einsatzgebiete schnell skalieren.

Iot wird im Handel starke Wettbewerbsvorteile ermöglichen. Wichtig ist es allerdings, die Menschen, die so eine Umstellung betrifft, mit gutem Change Management einzubeziehen und zu informieren. Unabhängig davon ob dies Mitarbeiter oder Kunden sind.


Autor: Daniel Stöter; EuroCIS
Erstveröffentlichung auf iXtenso.com