Kryptowährung auf dem Vormarsch

Underdog Bitcoin mausert sich zur Payment-Lösung im Einzelhandel

Bild: Frau zahlt mit Bitcoins; copyright: panthermedia.net/stevanovicigor

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12.05.2017

Digitales Geld – auch bekannt als Kryptowährung – ist in der Offline-Welt angekommen. Seit April erkennt Japan Onlinewährungen offiziell als Zahlungsmittel an. Die „Bitcoin-Stadt“ Arnheim in den Niederlanden akzeptiert die alternative Währung reihenweise in ihren Geschäften. Auch in Deutschland steigt die Handelsakzeptanz von digitalem Geld.

Die Welt ist ein großer Marktplatz und es gibt keine unterschiedlichen Landeswährungen. Wunschvorstellung? Zumindest nicht für Bitcoin-Anhänger. Bitcoin baut auf einem dezentralisierten Peer-to-Peer-Netzwerk auf, ist somit nicht ländergebunden und benötigt keinen Mittelsmann wie etwa eine Bank. In einer dezentralen Datenbank werden alle Transaktionen festgehalten. Wie viele Währungseinheiten es gibt, ist auch vorbestimmt. Bitcoin kann nicht unendlich kopiert werden und gilt daher als inflationsgeschützt.

Der Begriff „Kryptowährung“ an sich ist kein geschützter Begriff. Bitcoin, Ethereum, Litecoin, Ripple, Monero zählen zu einigen der großen Vertreter der Kryptocoins. Bitcoin, Pionier der Kryptowährungen, ist aktuell jedoch nicht nur in Deutschland, sondern auch international die meist verwendete digitale Währung. Levin Keller, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Bitcoin führt hierzu an: „Bitcoin macht 60 bis 70 Prozent des Handelsvolumens in Digitalwährungen aus. Unter den Kryptowährungen hat Bitcoin momentan die größte Liquidität und die geringste Wertschwankung.“ Die junge Währung sei jedoch im Vergleich zum Euro noch recht impulsiv.

Allheilmittel oder Kryptonit für den Einzelhandel?

Die ECC-Payment-Studie Vol. 21 verglich kürzlich das Potenzial von Bitcoins mit dem von Instant Payments. Befragt wurden Einzelhändler und Konsumenten aus Deutschland, Österreich und aus der Schweiz. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Bitcoins im Vergleich nur mäßiges Interesse wecken. Instant Payment liege mit der Nase vorn. Diese Präferenz könne aber auch durch die Unbekanntheit von Bitcoins hervorgerufen sein, heißt es.

Für Radoslav Albrecht, Gründer von Bitbond, einem globalen Bitcoin-Darlehensvermittler, liegen die Vorteile klar auf der Hand: „Bitcoin befindet sich gerade erst in der Anfangsphase. Als die E-Mail vorgestellt wurde, wurde auch ihr Nutzen angezweifelt und heutzutage schreiben wir fast täglich Emails. Zu den Vorteilen der digitalen Zahlungsmethode zählt ihre globale Nutzbarkeit, Schnelligkeit und Kosteneinsparung.“

Bitcoin ist eine Währung zu der jeder, der eine Internetverbindung hat, Zugang finden kann. In einigen Ländern auf der Welt haben Menschen keinen Zugang zu digitalen Zahlungsmethoden wie Kreditkarte oder PayPal, da sie beispielsweise kein Bankkonto besitzen. Durch Bitcoin können sie vereinfacht oder überhaupt erst online einkaufen. Neben der Erschließung eines potentiellen neuen globalen Kundenkreises ist auch die Schnelligkeit einer der Vorzüge. Wenn ein Kunde mit Bitcoins bezahlt, so sind diese innerhalb eines Wimpernschlags da. Der Händler kann seinerseits die Ware unverzüglich versenden. In den Genuss dieser schnellen Lieferzeit kann auch der Händler selbst kommen, wenn er Bitcoins beispielsweise im Wareneinkauf nutzt. Waren aus anderen Ländern können ohne tagelange Verzögerung sofort verschickt werden. Bei Kreditkartenzahlung kann es dagegen vier bis acht Wochen dauern, bis das Geld auf dem Konto des Händlers landet.

Bei Payment Providern, die Kryptocoins umrechnen, ist eine Auszahlung binnen einer Woche möglich. Kreditkarten fordern meist eine Gebühr von zwei bis drei Prozent der Transaktionssumme, wohingegen Payment Provider wie BitPay oder Coinpay sich um die Ein-Prozent-Marke weitaus günstiger präsentieren. Durch diese Einsparungen eröffnen sich dem Händler neue Wege zur Kundengewinnung.

Um Kunden dazu zu bewegen, das neue System auszuprobieren und regelmäßig zu nutzen, bieten manche Händler in den USA schon heute ihren Kunden Preisnachlässe von 5 bis 15 Prozent an. Neben den handelsrelevanten Vorteilen sieht der Bitcoin Nutzer auch eine idealistische Komponente in der Nutzung. Unabhängig von Banken haben die Nutzer volle Kontrolle wann, was mit ihrem Geld passiert.

Albrecht führt weiter an: „Das Bitcoin-System ist gleichzeitig extrem betrugssicher, denn es gibt keine Rücklastschriften. Somit kann der Händler sicher sein, das Kunden nicht nach ein bis zwei Wochen ihr Geld zurücktransferiert bekommen. Ein klarer Vorteil für den Händler, der dennoch potentielle Kunden abschrecken könnte. Für den Händler ist die Wechselkursschwankung der einzige Nachteil, der allerdings vollständig durch das Einbeziehen von Payment Providern eliminiert werden kann.“

Grafik: Bitcoins fallen aus einem Smartphone; copyright: panthermedia.net/3DSculptor

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Geldbeutel und Karten können künftig getrost zu Hause bleiben

Wie funktioniert die Anwendung? Der Kunde von morgen braucht künftig keine schwere Brieftasche mit sich zu führen, sondern lädt sich eine digitale Geldbörse – genannt „Wallet“ – beispielsweise als App auf sein Smartphone. Diese kann er mit Bitcoins aufladen, die er auf Marktplätzen wie beispielsweise Bitcoin.de erstehen kann.

Beim Checkout gibt der Verkäufer im stationären Handel den Betrag in das Checkout-System ein. Online ist Self-Service angesagt. Nach dem Klick auf den „Bezahlen per Bitcoin“-Button erscheint ein QR-Code. Dieser wird gescannt und mit einem Pin bestätigt. Fertig. Grundvoraussetzung ist eine Internetverbindung.

Auf den Bitcoin-Zug aufgesprungen …

… ist auch Avocado Store, ein deutscher Marktplatz für Eco Fashion und Green Lifestyle. Der Store nutze einen Payment Provider, der die Coins umwandelt und als Euro zum Geschäftskonto schickt.Mimi Sewalski, Geschäftsführerin des Avocado Stores merkt an, dass ihre Bitcoin-Zahler zu 80 Prozent männliche und loyale Käufer seien. Zudem haben sie eine deutlich geringere Retourenquote und seien technikaffin. Wer nun vorschnell denkt, er könne seine Umsatzzahlen mit Bitcoin in die Höhe schnellen lassen, den warnt Keller: „Nur, weil ein Händler Bitcoins anbietet, bedeutet es nicht, dass alle diese Möglichkeit nutzen. Der prozentuale Anteil, der mit Bitcoins erzielt wird, liegt meist unter einem Prozent.“ Dies ist auch bei Avocado Store der Fall. Frau Selwalski empfindet es dennoch vorteilhaft, Bitcoins als Zahlungsmittel anzubieten. Sie erklärt: „Wir zeigen, dass wir technisch vorne mit dabei sind und sprechen eine andere Zielgruppe an. Darüber hinaus ergab sich ein unbeabsichtigter PR-Effekt. Wir erhielten viele Interviewanfragen und Kundenzuschriften mit positivem Feedback. Zusätzlich haben wir als Start-up in Hamburg Interesse bei potentiellen neuen Mitarbeitern geweckt.“

Nicht nur für Technikinsider

Wer Bitcoins über Payment-Provider integriert, benötigt keine zusätzliche Infrastruktur. Die Lösungen sind mit den meisten Shopsystemen kompatibel. Die Online-Währungen können bei bestehenden Payment-Terminals oder Tablets auch im stationären Einzelhandel einfach eingebunden werden. Auf direktem Wege Bitcoins zu akzeptieren und sie vorher nicht durch Payment-Provider in Euro umwandeln zu lassen, ist auch möglich. Keller hat hierzu folgenden Tipp: „Wer Bitcoin auf die eigenen Bücher aufnimmt, muss Spekulationsgewinne versteuern. Reportings zu machen, kann einen ziemlichen Aufwand in der Buchhaltung nach sich ziehen. Es ist zum heutigen Zeitpunkt durchaus sinnvoll, Payment-Provider zwischenzuschalten und sich so nicht mit dem Thema der Währungsspekulation zu belasten.“

Es wird spannend, zu verfolgen, ob Bitcoin als Zahlungsmittel an Bedeutung gewinnen wird, ein kurzzeitiger Hype bleibt oder eine andere Kryptowährung das Rennen macht. Möglicherweise hat ein revolutionärer Paradigmenwechsel für den Einzelhandel begonnen.


Autor: Maria Nicholson; EuroCIS
Erstveröffentlichung auf iXtenso.com