Mobile Payment – Deutschland will nicht mobil bezahlen

Insellösungen sind wesentlicher Bestandteil zur Verbreitung mobiler Bezahllösungen

Bild: Ein Smartphone wird über ein Bezahlgerät gehalten; copyright: panthermedia.net/LDProd

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01/02/2017

Das Thema Mobile Payment ist in Deutschland eigentlich ein Scheinriese: Jedes Jahr übertreffen sich Unternehmensberater mit Prognosen zum riesigen Umsatzpotenzial. So prognostiziert das Informatikunternehmen GFT in seiner aktuellen Marktanalyse ein mobiles Transaktionsvolumen von mehr als 1 Billionen US-Dollar für 2019 weltweit.
Ein ganz schön großer Kuchen, von dem Deutschland scheinbar nichts abhaben will. Denn, wenn man sich dem Thema „Mobile Payment“ hierzulande nähert und es auf seine praktische Anwendung abklopft, schrumpft der Riese ziemlich schnell zusammen. Verwunderlich in einem Land, in dem die Frequenz an neuen digitalen Innovationen höher kaum sein könnte. Deutschland will einfach nicht mobil bezahlen – aber woran liegt das?

Die Erklärungsversuche reichen von mangelnden technischen Standards über fehlende Innovationsfreude bei den deutschen Käufern. Viel zu groß scheint die Liebe zum Bargeld, zu groß die Angst vor Datenkraken. Solange außerdem nur wenige Händler Mobile Payment anbieten, bleibt es für Nutzer eher uninteressant. Geringe Nutzerzahlen hingegen lassen die Händler weiter abwarten. Und so passiert es, dass andere Nationen bereits fleißig mobil bezahlen, während die Deutschen immer noch die Brieftaschen zücken. Für den direkten Vergleich lohnt sich ein Blick nach Amerika: Dort, im Land der unbegrenzten (Bezahl)-Möglichkeiten, sind die Käufer bereits an Kredit- und Debitkarten gewöhnt. Der Sprung zur virtuellen Geldbörse war demnach kein weiter mehr: Kein Wunder also, dass im vergangenen Jahr bereits 12,7 Prozent der amerikanischen Smartphone-Besitzer regelmäßig mobile Bezahlverfahren nutzten. Bis 2017 soll diese Zahl sogar auf 24 Prozent ansteigen. Auch in Dänemark greift bereits jeder Dritte beim Bezahlen zum mobilen Endgerät. Verantwortlich für die technische Umsetzung des Bezahlverfahrens ist dort die Danske Bank. Sie setzt als Schnittstelle auf Bluetooth Low Energy (BLE) statt auf das in Deutschland ausgerollte NFC (Near Field Communication). Haben wir also einfach auf das falsche Pferd gesetzt?
Bild: Barzahlung; Copyright: panthermedia.net/dasha11

Die Deutschen bleiben sich und ihrem Bargeld treu. ©panthermedia.net/dasha11

Smartphone-Hersteller, Banken oder doch die Nutzer – wer ist hier der Hemmschuh?

Das Argument, Deutsche würden sich mit technischen Innovationen – vor allem beim Bezahlen – traditionell schwertun, erscheint vorgeschoben. Denn auch die Dänen sind nicht unbedingt für ihre Kreditkartenliebe bekannt. Eine mögliche Begründung ist aus meiner Sicht technischer Natur: Das hochgepriesene NFC wird sich hierzulande beim Mobile Payment vorerst nicht als Standard etablieren können. Anders als beim kontaktlosen Bezahlen erweist es sich angesichts der vielen unterschiedlichen Android-Geräte im Markt als nicht stabil genug. Apple-Nutzer werden zudem fast ganz ausgeschlossen. Mit der Initiative „Zahl einfach mobil“ schlossen sich Berliner Handelspartner und Mobilfunkanbieter bereits im vergangenen Jahr zusammen, um gemeinsam mobiles Bezahlen in Berlin voranzutreiben. 750 Händler – darunter GALERIA Kaufhof und REWE – sprangen auf den Zug auf und belohnten Erstnutzer mit einer Gutschrift in Höhe von 10€. Trotz aller Bemühungen ist es um das Pilotprojekt aber erstaunlich ruhig geworden. Ähnlich verhält es sich mit der „Bargeldlos bezahlen“-Initiative von Aldi Nord. Kurz gesagt: NFC kommt nicht in die Gänge. Angesichts des erfolgreichen Mobile Payment-Rollouts in Dänemark liegt also die Schlussfolgerung nahe, es läge hierzulande an der falschen Schnittstelle.

Hinzu kommt, dass Apple – sonst weltweit nicht zimperlich im Durchsetzen eigener Standards – in Deutschland ein echtes Problem mit den Banken hat. Zu viele, zu heterogen, zu kleinteilig. Die Verhandlungen ziehen sich, eine Einigung ist derzeit nicht absehbar. Zudem ist Deutschland immer noch ein Bargeld- und Lastschrift-Land – für das auf Kreditkarten basierende Apple-Pay kein einfacher Schritt. Trotzdem platziert sich der Technik-Gigant mit Schlagzeilen geschickt in den Medien. Erst Anfang November tauchte Deutschland in einer Karte mit Gebieten auf, in denen Apple sein Bezahlsystem mittelfristig ausrollen möchte. Wenige Stunden später aber verschwindet es wieder von der Landkarte – auf ein Statement des Konzerns erwartet man vergeblich. Ob und wann eine Einführung des Systems in Deutschland folgen wird, bleibt demnach ungewiss.

Land in Sicht – Insellösungen ebnen den Weg

Fernab großer Technikkonzerne erkämpfen sich zunehmend Handelsunternehmen eine Position im Mobile Payment-Business. Die Rede ist von Handelsketten wie EDEKA oder Netto, die sich emanzipieren und bei der Umsetzung eigener Lösungen auf Drittanbieter setzen. Ihre Apps greifen auf ein direkt hinterlegtes Bezahlsystem zurück und ermöglichen das mobile Bezahlen nach einer einmaligen Registrierung. Der Nachteil sogenannter Closed-Loop-Systeme: Konsumenten können mit ihrer App in der Regel nicht zu anderen Händlern gehen. Jede Insel-Lösung benötigt eine eigene App inklusive des gesonderten Registrierungsverfahrens. Das ist zum Teil aus Angst vor der Konkurrenz auch so gewollt. Der fade Beigeschmack zahlreicher Apps und Registrierungsverfahren drängt sich dabei regelrecht auf. Trotzdem: Genau in diesen Einzelkämpfern liegt eine Chance für die gesamte Branche, denn mit ihren Insellösungen leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung mobiler Bezahllösungen und zur Akzeptanz des Smartphones als ein Bestandteil des Bezahlprozesses im stationären Handel. Gelingt es also den einzelnen Anbietern, die Käufer für mobile Bezahlmethoden zu gewinnen, dann steigt zum einen die Relevanz mobiler Lösungen und damit auch der Druck auf die Technologie- und Payment-Anbieter für eine einheitliche Lösung.
Foto: André Boeder; Copyright; Paymorrow

André Boeder, Geschäftsführer von Paymorrow. © Paymorrow

Die Lösung: In kleinen Schritten zum großen Erfolg

Netto, dm-drogerie markt, real,- und Co. gehen mit ihren stabilen Insellösungen bereits mit gutem Vorbild voran. Dank ihrer Bonussysteme und zahlreichen Incentives für die Kunden senken sie zudem die allgemeine Hemmschwelle bei Nutzern, mobile Lösungen zu benutzen. Um aus dem Scheinriesen also ein echtes Schwergewicht zu machen, braucht es jetzt vor allem eines:  Alle Beteiligten – Banken, Händler und Dienstleister – müssen zu einer gemeinsamen, offenen Lösung bereit sein. Die Closed-Loop-Systeme einzelner Händler zeigen bereits, dass es funktionieren kann. Um mobiles Bezahlen endlich voranzutreiben und stark zu machen, brauchen wir eine flächendeckende, einheitliche und verlässliche Lösung. Nicht nur Dänemark zeigt, dass es geht!

Autor: André Boeder, Geschäftsführer von Paymorrow
Erstveröffentlichung auf www.iXtenso.com