RFID im Handel

29/06/2012

Von der Radiofrequenz-Identifikation verspricht sich der Handel sehr viel. Die Furcht vor Ärger in der Öffentlichkeit ist jedoch mindestens genauso groß. Die größten technischen Probleme sind gelöst, man erprobt die Details. Bis zur flächendeckenden Einführung in den Filialen ist es nicht mehr weit. Vorreiter ist die Modebranche.


Im Januar berichtete das WDR-Verbrauchermagazin „markt“ über die Gefahren von RFID: Nicht deaktivierte Funketiketten in Kleidungsstücken machen die Verbraucher zu gläsernen Kunden, hieß es. Datenschützer warnen: Jeder Chip enthält eine weltweit einmalige Nummer – und die lässt sich berührungslos erfassen und speichern. Damit könne man Bewegungsprofile von Menschen erstellen. Wie sich RFID-Nummern in der Kleidung von Passanten selbst aus einiger Entfernung auslesen lassen, demonstrierten Aktivisten des Bielefelder Vereins Foebud in der Sendung. Diesmal traf es Gerry Weber. Auch andere Händler sahen sich schon in den Schlagzeilen. Die RFID-Kritiker präsentierten das Lesegerät vor dem Bielefelder Geschäft des Damenmode-Herstellers. Die Jahresproduktion von 26 Millionen Teilen werde mit RFID-Funkchips versehen. Gerry Weber war 2009 der erste Händler in Deutschland der flächendeckend RFID-Etiketten einführte. Man entschied sich für Etiketten von Avery Dennison.

„Wir entfernen das Pflegeetikett an der Kasse, wenn die Kundin dies wünscht“, erläutert Christian von Grone, der Verantwortliche bei Gerry Weber in der „markt“-Sendung. Die meisten Frauen würden das Etikett lieber zu Hause selbst abschneiden, sagte er. Gerry Weber informiere die Kunden mit Handzetteln, man solle das Etikett vor dem ersten Tragen entfernen. Kein Kunde müsse fürchten, dass sein Name mit einer RFID-Nummer verknüpft werde.

Adler hat RFID ausgeweitet

Die Textileinzelhandelskette Adler entschied sich im Frühjahr für „den nächsten Schritt auf dem Weg zu einem flächendeckenden Einsatz der RFID-Technologie in ihrem Retailnetz“, so die Pressemitteilung. Nachdem man zuvor in einer Filiale in Weiterstadt „einen protoypischen Test“ gemacht hat, sammelt man nun in vier weiteren Filialen Erfahrungen. Ergebnisse soll es im Herbst geben. Wie man dabei voran kommt, wollte man gegenüber EuroShop.de nicht sagen. Kein Interview.

Die Adler-Lösung sieht den RFID-Einsatz im gesamten Textilbereich mit Ausnahme einiger Accessoires-Sortimente vor, in der Endstufe insgesamt rund 30 Millionen Teile pro Jahr. Adler testet jetzt mit Syspro (Systemintegration, Software), Nedap (Antennen), Odendahldruck (Etiketten, Zulieferer ist RAKO), Nordic ID (Handhelds), Toshiba TEC (Drucker) und Tailorit (Projektunterstützung). Dabei spielt wahrscheinlich auch die Deaktivierung der Tags eine Rolle. Das ist ein wichtiger Punkt für Verbraucherschützer.

Technik ist besser und billiger geworden

Die Hersteller sind optimistisch, dass es jetzt doch noch den schon seit Jahren diskutierten Durchbruch für RFID im Handel gibt. In einem Interview mit dem Fachmagazin „RFID im Blick“ sagte kürzlich Lothar Struckmeier, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung von NordicID: „Es rollt zurzeit eine RFID-Lawine an.“ Modeproduzenten, Modehändler und deren Logistikdienstleister würden die Technologie nutzen, um die gesamte Supply-Chain abzubilden, Waren zu sichern und Out-of-stock zu vermeiden. Struckmeiers Aussage, wonach spätestens 2015 die Top-Ten der europäischen Fashion- Retailer mit einem RFID-Projekt gestartet sein werden, wertet „RFID im Blick“ als „kühne Prognose“. In einem Punkt hat Struckmeier auf jeden Fall recht: Fashion ist die Vorreiterbranche. Textilien vertragen sich gut mit den Funkchips.

„Die technischen Probleme werden immer geringer, da die Lese- und Transpondertechnik besonders in den letzten zwei Jahren wesentlich leistungsfähiger geworden sind“, sagt Thorsten Wischnewski, Bereichsleiter RFID bei RAKO, im Interview zu diesem Fokus-Thema. Lothar Struckmeier meint: Der ROI lässt sich durch verbesserte Technik inzwischen deutlich schneller erzielen als vor einigen Jahren. „RFID-Treiber werden die vertikalen Produzenten mit eigenen Flächen sein. Modeproduzenten ohne eigene Flächen werden nachziehen müssen, weil es die Modehäuser verlangen."

C&A: Etiketten sind gut sichtbar

Ein gutes Beispiel dafür ist C&A. Das Modeunternehmen aus Düsseldorf hat im Juni – ähnlich wie Adler kurz vorher – ein paar Filialen für einen Feldtest ausgewählt. C&A entschied sich für Duisburg, Euskirchen, Hürth, Mönchengladbach und Siegburg. Sieben Monate sollen diverse technische und organisatorische Aspekte vor der flächendeckenden Einführung geprüft werden.

C&A betont, dass die RFID-Etiketten gut sichtbar außen an ausgesuchten Kleidungsstücken angebracht werden. Die Transponder haben die Größe eines üblichen Preis-Etiketts und sollen durch einen Plastikring an der Ware befestigt werden. Die problemlose Entfernung durch die Kunden nach dem Kauf sei dadurch gewährleistet. Das Unternehmen informiere zusätzlich über den Einsatz der Technologie mithilfe von Plakaten und Handzetteln in den Filialen. C&A-Sprecher Thorsten Rolfes argumentiert wie viele in der Branche: Alle Gesetze, Standards und Empfehlungen zu RFID auf deutscher und europäischer Ebene werden eingehalten. „Zu einer flächendeckenden RFID-Einführung in deutschen C&A-Filialen wird es erst dann kommen, wenn wir die Ansprüche der Konsumenten an eine absolute RFID-Datensicherheit gewährleisten können."

Gut sichtbar außen an der Ware – das soll für Transparenz sorgen. Dabei könnte es für den Schutz vor Ladendiebstahl durchaus sinnvoll sein, die Tags in die Ware einzuarbeiten, etwa in die Sohlen von Schuhen, denn in Schuhgeschäften werden nicht die Kartons geklaut, sondern die Schuhe, die man unbemerkt anzieht und beim Gehen nicht bezahlt.

Vorreiter Mode, Forschung für Konsum-Artikel

Aber auch technisch ist es nicht ganz so einfach. Es kommt durchaus darauf an, welche Transponder man verwendet und wo man sie anbringt. Für Verbraucherschützer ist das kein Problem, solange es sich um Transportverpackungen oder Behälter in der Logistikkette handelt. Wie sich hier die Warenverfolgung optimieren lässt, das erforscht zurzeit die RWTH Aachen in einem öffentlich geförderten Projekt.

Paletten werden schon seit einigen Jahren mit RFID auf Ihrem Transportweg verfolgt. Bei dem Aachener Projekt geht es um Grundlagen für den Einsatz der Radiofrequenz-Identifikation auf Umverpackungen für Konsumartikel und die Nutzung von RFID-Echtzeitdaten zur Optimierung der Lieferkette. Man sucht nach den optimalen Transpondern und deren ideale Platzierung. Dabei untersucht man auch den Herstellungsprozess des Verpackungsmaterials sowie die automatisierte Anbringung und Codierung des Transponders. Parallel werden in einem Feldversuch entlang der gesamten Wertschöpfungskette bei den Projektpartnern Daten erhoben. Unter anderem dabei: der Süßwarenlieferant Mars und die Metro. Auch hier ist die Vorsicht spürbar. Projektleiter Theo Lutz lehnt ein Interview „zu diesem Zeitpunkt“ ab. Es gäbe noch keine Ergebnisse.

René Schellbach, EuroCIS.com

Interview mit Thorsten Wischnewski, Bereichsleiter RFID bei RAKO Security Label, Witzhave

Fußball und Olympia – diesen Sommer gibt es populäre Großereignisse. RFID wird im Sport immer wichtiger. Verbessert dies die Akzeptanz der Radiofrequenz-Identifikation in der Gesellschaft? Wir fragten Thorsten Wischnewski von RAKO. Die Firmengruppe aus Witzhave bei Hamburg bedient sowohl den Sport als auch den Handel.

Welche Rolle spielt RFID im Sport?


RFID findet eine zunehmende Verbreitung bei der Identifizierung von Personen und Objekten. Das trifft auch auf den Sport zu. Beispiele dafür sind die elektronische Zeitmessung, Einlasskontrollen oder das Zeitmanagement des Personals. Auch im Merchandising bietet RFID Lösungen für die Logistik, die Verkaufsförderung und als Echtheitsmerkmal.

Welche Laufsport-Events haben Sie mit RFID ausgestattet?

Mit unserem Partner davengo führen wir zum Beispiel für die größte Firmenlauf-Staffel b2run in Deutschland mit mehr als 80.000 Teilnehmern die Zeitmessung durch. Die Dienstleistung beinhaltet ein Anmeldeportal, den Transponder, die Startnummer, die Auswertung mittels einer speziellen Software und Ergebnisdienste in Listen-, Foto- und Videoformaten sowie einige weitere Features.

Welche technischen Parameter müssen erfüllt sein?

In der elektronischen Zeitnahme ist die hundertprozentige Erfassungsquote eine wesentliche Voraussetzung für eine gute Dienstleistung. Hierfür wurde ein spezielles UHF-Etikett mit darauf abgestimmter Lesetechnik entwickelt, das auch am Körper funktioniert.

War der Ball im Tor oder nicht? Darum geht es jetzt wieder bei der Fußball-EM. Können Sie sich RFID im Fußball vorstellen?

Ich kann mir das sehr gut vorstellen. RFID wäre dafür gut geeignet und könnte eingesetzt werden. Allerdings stellen optische Systeme eine Alternative dar.

RFID in Eintrittskarten: Welche Vorteile sind möglich?

Nach der WM 2006 in Deutschland sind leider nicht genügend Vorteile für RFID in Tickets nachgewiesen worden. Ohne Zweifel kann RFID aber dazu beitragen, Fälschungen zu erschweren, Kontrollen zu erleichtern und zu beschleunigen. Mit der zunehmenden Verbreitung der NFC-Technologie erwarte ich aber einen neuen Schub bei der Nutzung von RFID im Zutrittsbereich von Sportveranstaltungen.

Könnte RFID im Sport die Akzeptanz in der Öffentlichkeit verbessern?

RFID kann hier einen Beitrag leisten, allerdings muss die Wahrnehmung der Technik bei den Sportlern dann erhöht werden. Eine Methode wäre die Zeitmesstransponder als Rabattmarken zu benutzen. Viele Kassen im Handel sind ja bereits mit RFID-Scannern ausgestattet.

Handelsunternehmen testen RFID auf der Verkaufsfläche. Bei welchen Projekten sind Sie „am Ball“?

Gerry Weber, Adler, Marc O'Polo, Schöffel-Lowa, S’Oliver und viele andere.

Welche technischen Probleme gibt es zurzeit noch für die umfassende RFID-Einführung im Handel?

Die technischen Probleme werden immer geringer, da die Lese- und Transpondertechnik besonders in den letzten zwei Jahren wesentlich leistungsfähiger geworden sind. Nimmt man an wenigen Stellen eine Prozess-Änderung vor, gibt es nur noch wenige technische Einschränkungen.

Zusatzinformationen für die Kunden: Was spricht für RFID? Wann ist ein QR-Code fürs Smartphone sinnvoller?

QR-Codes sind umständlich zu fotografieren und folgen unterschiedlichen Standards. RFID bietet durch NFC in Smartphones eine global standardisierte robustere, schnellere und einfachere Identifikation. Das große Plus von RFID ist zudem nicht nur die Nutzung für das Marketing sondern auch fürs Bezahlen.

Interview: René Schellbach, EuroCIS.com